JOB UND KARRIERE

HOW SHE DOES inspire me – Alles hinter sich lassen und losziehen mit Verena

Verena habe ich bei meiner Backpackerreise durch Thailand getroffen – auf Koh Tao genauer gesagt, der Backpackerinsel schlechthin. Als ich sie treffe, arbeitet sie gerade seit sechs Monaten in einem Hostel als freiwillige Mitarbeiterin. Fünf Stunden am Tag hilft sie dort aus, steht an der Rezeption und unternimmt Ausflüge mit den Hostelgästen. Dafür bekommt sie für die Zeit ihres Aufenthalts einen Schlafplatz im Hostel und freie Verpflegung.

Als wir ins Gespräch kommen, erzählt sie mir, dass sie schon seit ein paar Jahren durch die Welt reist, zwar auf der Suche, aber ohne ein bestimmtes Ziel – und ich denke mir heimlich: Das will ich auch!

Neben ihrer Tätigkeit als freie Texterin, finanziert sie ihre Reise hauptsächlich durch Freiwilligenjobs. Sie erzählt mir von ihrem Plan als freie Texterin von unterwegs zu arbeiten und von ihrem Reiseblog, auf dem sie beschreibt, wie es denn eigentlich so ist, loszuziehen, ohne Plan, aber mit einem starken Gefühl von „Da muss es noch mehr geben. Und ich will es finden.“

„Was passiert, wenn man alles zurücklässt und sich selbst und dem Rest der Welt stellt.“

Mit diesem Satz beginnt Verenas Blog One Day Baby.

Ich lese mich rein und komme nicht los. Und deswegen frage ich sie jetzt: Wie ist das denn eigentlich, einfach loszuziehen und alles hinter sich zu lassen? Und nimmt man am Ende nicht doch wieder sich selbst mit?

 
Ich habe dich das erste Mal in Thailand getroffen und mich gewundert, warum die Frau an der Hostel-Rezeption Deutsch spricht. Wie kommst du hier her und wie hat alles angefangen?

Ich war hier in dem Hostel auf Koh Tao Gast, genauso wie du. Eingemietet für zwei Nächte bin ich dann letztendlich drei Wochen geblieben. Ich kam nach einer sehr intensiven Zeit in Neuseeland hier an und war einfach mega happy hier eine Art „Wohlfühloase“ gefunden zu haben. Nach drei Wochen meinte die Hostel-Managerin: „Willst du nicht anfangen hier zu arbeiten?“. Und da hat mein Herz einen Satz gemacht und ich dachte mir: Na logo! Ich denke, so etwas nennt man eine „Aneinanderreihung schicksalsgleicher Ereignisse“. Es gibt da einen schönen Kalenderspruch, der geht ungefähr so:

„Das Leben passiert, während wir dabei sind Pläne zu schmieden.“

Und genau so fing auch meine erste Reise an. Vor sechs Jahren haben mein damaliger Freund und ich Schluss gemacht, meine Zeitung hat mich gekündigt und da dachte ich mir: Entweder ich reise so weit weg wie nur irgendwie möglich, oder ich werfe mich vor die Bordsteinkante. Gewählt habe ich die erste Variante und saß drei Wochen später mit einer handvoll Selbstzweifeln und Abenteuerlust im Flugzeug nach Neuseeland.

 
Ich wette, die meisten, denen du erzählst, wie du einfach losgezogen bist, reagieren so wie ich: „Wow, das ist mutig“. Wie antwortest du darauf?

Meine Antwort ist immer die selbe: Genau das Gleiche kannst du auch. Wir alle haben dieses eine Gefühl in uns, das uns Bauchkribbeln und Herzklopfen beschert, verursacht durch einen bestimmten Moment oder Gedanken. So ist das zumindest in meinem Fall. Das beschreibe ich für mich als Mut. Ein Gefühl, das in jedem von uns schlummert und nur auf den richtigen Moment wartet, in Einsatz zu treten. Wie ein Kratzer in deinem Soundsystem, der deine Aufmerksamkeit will und nur auf den einen Beat wartet.

 
Trotzdem bedeutet „Einfach losziehen“ bestimmt auch Vorbereitung oder? Wie lange hast du dein „neues Leben“ geplant und was hast du alles vorab erledigt?

Ich glaube, ich habe nichts wirklich geplant. Ich bin da eher so reingerutscht. Ein Moment führte zum Nächsten, eine Reise öffnete mir die Idee für meinen Blog, der mich dann wiederrum inspirierte, für soziale Projekte zu arbeiten. Es hat sich alles irgendwie so ergeben. Aber klar, es birgt viele Herausforderungen und es steckt Arbeit dahinter. Am meisten in meinem Kopf. Ich hatte oft Angst, das ich mein Leben „verplempere“ wenn ich so viel reise, oder das ich nie meinen Platz finde. Denn ankommen möchte ich auch irgendwann. Nur habe ich irgendwie einen Weg gefunden, mir selbst mehr zu vertrauen und meine Zweifel mal eben auf Autopilot gestellt.

Ich habe aufgehört zu suchen. Stattdessen lasse ich das Leben geschehen und nehme einfach mal die offenen Türen, anstatt zu kämpfen.

 
Wie finanzierst du deine bisher dreijährige Reise? Ist es einfach, im fernen Ausland Jobs zu finden und gibt es bestimmte Seiten oder Apps, die du für die Jobsuche nutzt oder spazierst du einfach irgendwo rein und sagst „Can I work here?“

Ganz ehrlich? Leute anlabern. Das geht immer. Und du findest immer etwas – wenn es kein Job oder Bett zum Schlafen ist, dann zumindest ein schönes Gespräch. Oder einen einzigartigen Moment. In Südamerika habe ich erst im Hostel gearbeitet, dann viel für soziale Projekte. Den Job im Hostel hatte ich über die Seite www.workaway.info – die empfehle ich eigentlich immer. Du erstellst dein eigenes Profil und findest Hosts auf der ganzen Welt. Ansonsten hatte ich immer noch Ersparnisse von meiner Gastroarbeit – daheim, in München habe ich immer mal wieder in Bars und Restaurants gearbeitet, Kohle gespart und dann los. Aber die besten Erfahrungen hatte ich bisher immer über Zufälle oder schräge Momente. Mutig sein, Mund aufmachen und raus in die Welt! Der erste Schritt ist Übwerwindung und raus aus der Comfort Zone, aber der zweite Move ist schon viel leichter.

 
Wie ist das mit Versicherungen und anderem Papierkram, um den man sich nicht kümmern will?

Ich bin in sowas ziemlich schlecht. Ich verdränge das meistens bis zur letzten Minute, wenn ich quasi schon auf dem Weg zum Flughafen bin. Aber klar, bevor ich losziehe, schließe ich immer eine Auslandskrankenversucherung ab, kündige alles was ich unterwegs nicht brauche – von Zahnzusatzversichung bis hin zu Netflix und Co. – und informiere mich über das Land und die Kultur. Ich möchte informiert sein, bevor ich als Gast ein mir fremdes Land betrete und zumindest ein paar Wörter in der Landessprache sprechen. Das ist für mich ein Zeichen von Respekt und eröffnet dir wunderschöne Momente mit den Locals. Fernab von Tourismus und aufgesetztem Lächeln. Von daher beschäftige ich mich mich meistens eher mit den Menschen als mit Papierkram. Vielleicht sollte ich meine Taktik mal überdenken (lacht). Ah und das Visa! Fast vergessen, aber das wohl wichtigste Puzzleteil bevor es los geht – neben Verlängerung vom Reisepass und zwei (!) Kreditkarten.

 
Was war bisher der beste Job, den du auf deiner Reise gemacht hast?

Puh, das ist schwer zu sagen. Ich habe so viele verschiedene Dinge gemacht und jeder Job hat mich auf die ein- oder andere Art bereichert. Egal ob es als Tellerwäscherin in Neuseeland war oder als ich eine soziale Organisation in Kolumbien unterstützen durfte. Jeder neue Ort und jede Situation hat mich zur Nächsten geführt und mich meinen Stärken und Schwächen näher gebracht. Ich durfte die letzten Jahre unglaublich viel lernen. Und dafür bin ich sehr dankbar. Aber das Allerschönste für mich, alles was zählt, das sind für mich die Menschen, die du auf deinen Reisen triffst. Die Menschen, die dir im vollgestopftem Bus in Kuala Lumpur gegenüber sitzen, mit Baby im Arm und bei 40 Grad immer noch lächeln. Der Backpacker mit seiner Ukulele unterm Arm, der dir ein Lied spielt, wenn du mal traurig bist. Die Menschen, die nichts haben und dir alles geben. Und nichts dafür erwarten. Ich denke, darum geht es im Leben.

#digitalnomad Lifestyle ist nicht für jeden etwas. Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Das möchte ich am liebsten mit einem Zitat von Thomas Brasch beantworten, denn das triffts genau.

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin
bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Welche Orte eignen sich deiner Meinung nach am besten, um loszustarten? Siehst du in Thailand andere Herausforderungen als in Neuseeland?

Für die erste Reise alleine würde ich definitiv Thailand empfehlen. Ich bin gerade hier, auf Koh Tao, und finde es mega schön. Es ist super easy um von A nach B zu kommen, du lernst wahnsinnig schnell neue Leute kennen und es ist günstig. Neuseeland ist so far mein Lieblingsplatz – ich war bisher zwei mal dort. Super Menschen, wunderschöne Natur. Aber eben auch teuer und am anderen Ende der Welt. Für Südamerika würde ich mir vorab ein paar Spanischkenntnisse aneignen. Die Menschen dort haben ein unglaublich großes Herz.

 
Und zum Schluss: Was sind deine Tipps, wenn man überlegt, wie du rauszuziehen und für unbestimmte Zeit aus dem Backpack zu leben?

Sei mutig. Sei offen. Rückschläge sind nur normal und bringen dich am Ende weiter. Und achte nicht darauf, was andere sagen. Mach dein Ding. Höre auf deine Intuition und wertschätze jeden Moment. Du wirst als anderer Mensch zurückkehren.

Ließ mehr über Verenas Reise auf ihrem Blog www.onedaybaby.de

Fotos von Daria Gleich www.DariaGleich.net

 

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