JOB UND KARRIERE

Downshifting – Die bewusste Entscheidung gegen die Karriereleiter

„Only way to go is up, skin thick, too tough“

…sagt Beyonce.

Unsere Kultur ist mehr denn je besessen von Leistung, Optimierung und Wettbewerb. Als ich vor ein paar Wochen meinen Job gekündigt habe, drehten sich die Reaktionen meines Umfelds immer um das eine Thema: „Was kommt als nächstes, was sind die nächsten Steps, wo geht´s jetzt hin?“ implizierend, dass ich mit der Kündigung sicherlich schon den Masterplan für meine weitere Karriere in der Hinterhand halte.

In Vorstellungsgesprächen werden Kandidaten regelmäßig nach ihren Vorstellungen für die nächsten fünf Jahre gefragt und wenn wir uns die Social Media Gurus der Leistungsgesellschaft anschauen, dann gibt es für wahren Erfolg anscheinend nur eine Devise: All hustle, no sleep – oder um den viel zitierten und auf Social Media dauerpräsenten Multiunternehmer Gary Vaynerchuck zu zitieren:

Don’t take the time to breathe. Don’t aim for perfect. And whatever you do, keep moving.

#AskGaryVee: Ein Entrepreneur über Social Media, Selbstbewusstsein, Gewinnen.

Next step: exit

Aber wo Extreme vorherrschen, gibt es auch immer Gegenbewegungen. Denn gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, die sich nach all dem up, up, up und höher, weiter, schneller bewusst für das down entscheiden. Studien zufolge würde gerne mehr als die Hälfte aller Führungskräfte in Deutschland fünf Stunden weniger arbeiten und dafür auf Gehalt verzichten.

Seit einiger Zeit kursiert im Netz ein dazu passender Begriff: Downshifting.

Downshifting, also wörtlich übersetzt Runterschalten, steht für die bewusste und selbstgewählte Minimierung der Arbeitszeit und der Abkehr vom stressigen Leben, hin zu einer selbstbestimmten und erfüllten Existenz.

Anders als beim bekannten Sabbatical, bei dem ausgebrannte Führungskräfte für ein Jahr um die Welt reisen, um danach wieder an gleicher Stelle in den alten Job zurückzukommen, geht es beim Downshifting um eine langfristige Entscheidung. Die Idee besteht darin, sein Leben so einzurichten, dass die Arbeitsbelastung reduziert wird, um mehr Freiraum und Flexibilität zu gewinnen.

Downshifting muss man sich leisten können

Wenn auch nicht Zweck des Downshiftigs, ist einhergehend mit den verringerten finanziellen Mitteln ebenfalls auch ein Kosumverzicht und minimalistischer Lebenstil die Folge. Schließlich müssen Anpassungen und Sparmaßnahmen getroffen werden, um sich die Reduzierung der Arbeitszeit auch leisten zu können.

Kein Wunder also, dass der Großteil der Downshifter männliche Führungskräfte zwischen 40 und 50 Jahren sind – ausgebrannt, aber mit finanziellen Rücklagen.

Weniger Geld, mehr Zeit. Aber mehr Zeit wofür eigentlich?

Runterschalten bedeutet nicht Netflix and Chill

Denn beim Downshiftig geht es nicht einfach nur darum weniger zu arbeiten, des Faulenzen willens, sondern darum, die gewonnene Zeit für mehr Sinn und eine Neuorientierung zu nutzen. Zeit wird als etwas Wertvolles gesehen, das man nicht mehr nur damit füllen will, für andere zu funktionieren. Ein Ende von Work-Netflix-Sleep-Repeat sozusagen.

Gleichzeitig bedeutet dies auch, sich Dingen zu widmen, die einem wirklich wichtig sind und die einem nicht nur Energie nehmen, sondern auch Energie zurückgeben. Dafür ist es wesentlich, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, was das für einen persönlich ist. Wir sind häufig so verstrickt in unsere täglichen Aufgaben und Verantwortungen, dass wir den Blick verlieren für uns selbst und wie wir leben wollen.

Downshifting soll Menschen darauf zurück führen, sich der eigenen Werte und Ziele im Leben wieder bewusst zu werden und danach zu leben.

Überarbeitet much?

Früher, als ich noch zur Schule gegangen bin, und meine Eltern mir vorgebetet haben, ich müsste später unbedingt auf einen dieser statusträchtigen und „sauberen“ Bürojobs hinarbeiten, hatte ich mir das alles noch anders vorgestellt. 9-to-5, schicker Schreibtisch, schicke Klamotten, gutes Gehalt. Und auch wenn die letzten drei Dinge davon passen, bedeutet Bürojob heutzutage heute doch etwas anderes als noch in der Generation meiner Eltern. Mehr Stress, mehr Erreichbarkeit, mehr Druck, mehr „Was mache ich hier eigentlich?“, denn das ist das Dilemma unserer Zeit: mehr Komplexität, gepaart mit einer Überzahl an Möglichkeiten.

First world problems? Ja, aber nun eben doch ein Problem.

Und dabei sehen wir, dass es auch anders geht. Dank der Digitalisierung gibt es Möglichkeiten orts- und zeitungebunden zu arbeiten. Anforderungen und Arbeitsmodelle verändern sich und doch hängen noch sehr viele Unternehmen, vor allem in Europa, hinterher. Flexible Arbeitsmodelle und reduzierte Arbeitszeiten etablieren sich nur langsam – denn dafür müssen strukturelle Rahmenbedingungen angepasst werden, verbesserte Kinderbetreuung zum Beispiel oder die Verfügbarkeit von Technologie für flexibles Arbeiten.

Neidisch blicken wir auf Unternehmen wie Microsoft in Japan, die eine 4-Tage-Woche bei gleichem Gehalt eingeführt haben oder der brasilianische Konzern Semco Partners, in dem die knapp 3000 Mitarbeiter weder Urlaub beantragen noch Rechenschaft über ihre Arbeitszeiten ablegen müssen. Das sind nur zwei Beispiele von Unternehmen, die New Work groß schreiben und dabei gleichzeitig ihre Umsätze um ein vielfaches steigern konnten.

In Modellen wie diesen ermöglichen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern selbstverantwortlich zu handeln und damit echte Verantwortung zu übernehmen, anstatt nur abzuarbeiten. Gleichzeitig schaffen sie einen Rahmen, in denen Arbeitnehmer nicht aus dem Unternehmen aussteigen müssen, um sich weiterzubilden, anderen Interessen nachzugehen, Energie und Inspiration zu tanken und genug Zeit für ihre Freunde und Familie zu haben. Das schafft eine Bindung und kann sich nur positiv auf die Erwerbsarbeit auswirken.

Das Bedürfnis vieler Mitarbeiter runterzuschalten, vor allem von Führungskräften, wäre vielleicht gar nicht so groß, wenn Arbeitgeber diese Rahmenbedingungen von Anfang an schaffen würden.

Wie kann Downshifting aussehen und ist das was für mich?

Was Downshifting dann individuell bedeutet, hängt davon ab, welche finanziellen Rahmenbedingungen gegeben sind, wie die eigenen Bedürfnisse aussehen und welche Möglichkeiten aktuelle oder potentielle Arbeitgeber dafür bieten.

Ob der komplette Ausstieg im Sinne einer Frührente, ein Halbtagsjob, die 4-Tage-Woche oder regelmäßige längere Auszeiten – Downshiftig kann sich in diversen Modellen wiederspiegeln.

Wer John Streleckis „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“ gelesen hat, bewunderte vielleicht da schon das Arbeitsmodell des Protagonisten im Wechsel ein Jahr zu arbeiten und ein Jahr zu reisen.

Möglichkeiten gibt es viele, am wichtigsten ist aber vorab herauszufinden, was es denn überhaupt ist, wofür man die neu gewonnene Zeit nutzen möchte.

Wie willst du leben, was macht dich glücklich und wie kannst du für dich und andere Sinn stiften?

Überlegst du dir auch manchmal, ob der steile Karriereweg das richtige für dich ist? Es muss nicht immer direkt das Downshiftig sein und trotzdem ist es wichtig, herauszufinden, wie du dein (Arbeits-)Leben führen willst.

Stelle dir dafür folgende Fragen:

Welche Werte sind mir wichtig?

Welche Erwartungen hat mein Umfeld (Eltern, Partner, Freunde) an mich?

Stimmen diese Erwartungen mit meinen eignen Werten und Bedürfnissen überein?

Was gibt mir Energie im Beruf und habe ich in meiner jetzigen Position und Unternehmen die Möglichkeit diese Situationen oft genug zu erleben?

Worauf möchte ich zurückblicken, wenn ich alt bin?

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