JOB UND KARRIERE

So geht SOCIAL BUSINESS – Claudia Friedrich von der HELDENKÜCHE im Interview

Kann Kapitalismus sozial sein? Wenn man sich wirtschaftliche Entwicklung und Unternehmensskandale der letzten Jahre anschaut, so scheint es, als wäre Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf die gesellschaftliche Verantwortung an der Tagesordnung. Der Ökonom Paul Collier nennt diese Entwicklung „Rottweiler-Gesellschaft.“

Dabei entstehen in Deutschand  immer mehr Unternehmen, die mithilfe von wirtschaflichen Mitteln und innovativen Geschäftskonzepten soziale und ökologische Probleme aufgreifen und zu lösen versuchen. Gewinn ja, aber nicht um jeden Preis und nicht des Profit willens, sondern um Verantwortung zu übernehmen und Nützliches zu bewirken. Eine Chance den Kapitalismus zukunftsorientiert zu gestalten.

Eines dieser Unternehmen ist die heldenküche. Im Interview erzählt die Gründerin Claudia Friedrich von ihrem Geschäftskonzept und warum sich unternehmerisches Denken und soziales Engagement durchaus verbinden lassen.

First things first: Wer bist du und was ist dein beruflicher Hintergrund?

Mein Name ist Claudia Friedrich und ich bin eine von zwei Leiterinnen des, von mir gegründeten, Sozialunternehmens heldenküche.

Davor habe ich einen Bachelor in Eurostudien in Chemnitz und einen Master in Volkswirtschaftslehre an der Uni Leipzig gemacht. Die heldenküche ist also tatsächlich mein erstes richtiges Business nach dem Studium.

Was ist die heldenküche? Erklär mal dein Geschäftskonzept.

Wir kochen unter dem Motto lokal, liebevoll, lecker. Unser Angebot umfasst:

  • Caterings für Konferenzen, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und Co.
  • Kochkurse als Teambuildingmaßnahme für Unternehmen oder als freudiges Zusammenkommen für private Kunden
  • Bildungsangebote zum Thema ,,Gut versorgt“ für Schulen und Auszubildende von Unternehmen

Das ist der rein unternehmerische Teil. Dazu gibt es noch die soziale Sparte:

Um Kochveranstaltungen für Menschen zu organisieren, die nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen haben wir mit verschiedenen Akteuren der Stadt den Verein „Esspedition e.V.“ gegründet. Veranstaltungen laufen unter dem Titel ,,Gut versorgt mit wenig Geld. Kooperationspartner sind zum Beispiel das Jobcenter Leipzig und das Suchtzentrum ,,Insel“. Bei der letzten Veranstaltung haben wir einen Krauttopf und Kompott gekocht, uns über die faszinierenden Gewächse Kraut und Wildkräuter ausgetauscht und am bunt gedeckten Tisch mit selbstgebackenem Brot gemeinsam Mittag gegessen. Man glaubt kaum, wie viele Menschen man mit Kohl satt machen kann und wieviele Variationen es davon gibt, Wildkräuter stehen uns frei zur Verfügung, sie sind super gesund und mega lecker.

Was war der Auslöser für dein Konzept?

Heldenkueche

Beim Geburtstag meiner Mutter fragte mich eine ihrer Freundinnen beim Essen: ,,Kann man dich auch buchen?“. Ich dachte mir ,,wenn mich dafür jemand bezahlen möchte – genial!“ Im Vorfeld hatte ich mit meiner Mutter überlegt, was wir zubereiten möchten, ihr eine Einkaufsliste geschrieben und schließlich mit ihr zusammen beim Gläschen Wein gemütlich Alles vorbereitet.

Eine erste Geschäftsidee der heldenküche war geboren.

Nach der ersten Idee kommt die Umsetzung. Was waren die ersten Schritte deine Unternehmensgründung?

Damals war ich aktives Mitglied im Verein oikos Leipzig e.V. (ein Verein, der das Thema Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsfakultät verstärken möchte) den ich gemeinsam mit Kommilitonen gegründet hatte -quasi mein erstes ,,Baby“ –  dabei schrieb ich gerade an meiner Masterarbeit.

An der Uni bin auf SMILE gestoßen, eine Beratung für gründende Studierende, die mir mit Workshops und persönlichen Gesprächen unglaublich weiterhalf. Gemeinsam mit SMILE organisierten wir eine kleine Konferenz mit dem Titel:

,,Ich will gründen, aber wie? – Sozialunternehmen, eine Anleitung“

Die heldenküche trug damals den Untertitel ,,Oikos Sozialunternehmen in Gründung“ und war Praxisbeispiel bei der kleinen Konferenz. Später bekam ich ein Stipendium im Social Impact Lab Leipzig – ein kreatives ,,zu Hause“ für soziale Gründungsideen.

Wichtig war, mich mit Gleichgesinnten zu umgeben – die verleihen Flügel!

Die meisten Start-Ups in Deutschland sind vornehmlich profitorientiert. Hast du das Gefühl, dass es schwer ist in Deutschland ein Sozialunternehmen zu gründen?

Das lässt sich nur schwer beantworten – ich habe keinen profitorientierten Vergleich.
Letztlich denke ich, dass nahezu egal ist, ob man gemeinwohl- oder gewinnorientiert arbeitet. Die bürokratischen Hürden sind die Gleichen. Und davon gibt es einige.

Eine Frage, die dir sicherlich von deinem Umfeld oft gestellt wird: Kannst du davon leben?

Meine Antwort: Ja, richtig gut!

Am Anfang erhielt ich finanzielle Unterstützung vom Arbeitsamt und seit circa 4 Jahren stehe ich komplett auf eigenen Beinen.

Es war gerade am Anfang finanziell oft knapp, doch ich war immer glücklich und zufrieden, denn ich konnte meinen unternehmerischen Traum voll ausleben.

Seit einem Jahr habe ich eine feste Partnerin: Marion. Die heldenküche ist zu einer GbR angewachsen und seither stehen wir auf finanziell festen und stabilen Beinen.

claudia heldenküche
heldenkueche_essen

Wie sieht eine typische Woche bei dir aus?

Die Konstanz der Woche: Mittwochs gärtnern wir von 15 bis 18 Uhr im Essbaren Palmengarten. Ansonsten hängt es immer von der Auftragslage ab, ob und wann wir im Büro, in der Küche, auf dem Feld oder beim Kunden sind. Aufträge an Samstagen und Sonntagen sind die Regel.

Außerdem bin ich Teil der Ölmühle Leipzig. Einmal im Monat findet der ,,Zapftag“ statt zu dem wir unser selbstgepresstes Öl aus regionalen Biosaaten verkaufen. Bei einer Ölmühlenführung zeige ich den Gästen unser Haus und erzähle die Geschichte der Saaten und Öle.

Besuche der Produktionsstätten stehen regelmäßig auf der To-Do-Liste. Das macht riesen Spaß. Dabei lernen wir immer spannende Orte und Menschen kennen. Wir durften schon im Rathaus, in der Uni, in der Galerie für zeitgenössische Kunst, im Garten… servieren und kochen.

Sowohl die Aufgaben als auch von den Menschen und Orten, die wir kennenlernen sind schillernd bunt.

VIVA LA VIELFALT heißt es in allen Geschäftsbereichen.

Was sind deine top drei Tipps für jeden, der ebenfalls ein Sozialunternehmen aufbauen möchte?

1. Ein Projekt finden, wofür du brennst.

2. Ein Netzwerk aufbauen.

3. Loslegen! Lösungen finden sich auf dem Weg.

Kochen ist dein daily business. Was kochst du für dich, wenn du abends nach Hause kommst?

Jeden Tag etwas Anderes. Es ist die größte Freude, abends für meinen Freund und mich oder für Freunde Abendessen zuzubereiten. Es wird nie langweilig. Oft gibt`s hausgebackenes Sauerteigbrot / Gemüsevariationen aus der Pfanne / eine Suppe / Salat / ein Spiegelei im Spinatbett… was wir gerade so aufschnappen und worauf wir Appetit haben. Wir lesen unglaublich gern Kochbücher – das bringt neue Ideen.

Zum Sonntag nehmen wir uns immer richtig viel Zeit und kochen etwas Besonderes.

Was wünscht du dir für die Zukunft und wo geht es mit der heldenküche hin?

Was ich mir wünsche kann ich ganz gut in „Essenssprache“ ausdrücken:
Friede, Freude, Eierkuchen.

Eine friedliche Welt ist gestaltbar!

Ich habe große Hoffnung, wenn ich die Fridays-for-future-Proteste beobachte.

Für Leipzig wünsche ich mir, dass der neu gegründete Ernährungsrat Erfolg hat. Das bringt mit sich, dass das Thema „Gutes Essen für Alle“ an Präsenz auf der politischen Agenda gewinnt.

Wo es mit der heldenküche hingeht:

Derzeit sind wir glücklich und zufrieden, denn wir haben unseren Traumarbeitsplatz im ,,Haus der guten Lebensmittel“ gefunden. Gemeinsam mit unserem Vermieter Thilo Egenberger von Egenberger Lebensmittel GmbH organisieren wir einen regionalen Samstagsmarkt ab August diesen Jahres, eine Kantine entsteht, das Öl fließt und der Garten wächst Jahr für Jahr.

Kommt uns gern mal besuchen: Markranstädter Straße 8 in Leipzig oder im Essbaren Palmengarten.

heldenkueche

Fotos von:

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