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Trauma und Chance – Wie man als Ausländerkind aufwächst und was es mit einem macht

Letztens stand ich bei der Post in der Schlange und vor mir ein ungefähr dreizehnjähriges Mädchen mit langen, dunklen, gelockten Haaren, das nervös darauf wartete, als Nächste an den Schalter gehen zu können. Als sie vorne steht, erklärt sie der Postbeamtin, dass sie gerne ein Konto eröffnen möchte, für ihre Mutter.

Die Postbeamtin runzelt ihre Stirn und gibt, lauter als es sein müsste, ein: „Das geht nicht, das muss deine Mutter schon selbst machen“ zurück.

Mir wird unbehaglich, ich fühle mich plötzlich in mein dreizehnjähriges Ich versetzt, das von ihren Eltern in Situationen gebracht wird, das es nicht bewältigen kann – bei Ämtern anrufen zu müssen zum Beispiel, obwohl man dabei am liebsten im Boden versinken würde.

„Aber sie kann kein Deutsch“ und ein Kopfschütteln der Postbeamtin ist die letzte Interaktion, bevor das Mädchen die Postfiliale verlässt.

Ich wäre ihr am liebsten hinterhergelaufen, um zu sagen, dass das tapfer von ihr gewesen ist. Dass sie aus all diesen Situationen irgendwann ihre Stärke ziehen und selbstständiger, ehrgeiziger und scharfsinniger sein wird, als viele ihrer Freundinnen, die niemals für ihre Eltern Dokumente übersetzen, mit zum Arbeitsamt gehen, ihr Erspartes vom Ferienjob abgeben oder Konten eröffnen mussten.

Viele meiner Freunde mit ausländischen Eltern wissen, wie es ist, in einem Zuhause aufzuwachsen, das sich in einem ständigen Kreis zwischen mentaler und finanzieller Abhängigkeit, Scham, Frust und Stolz bewegt. Zwischen Neuanfängen und Tradition, Hoffnung und Enttäuschung und vor allem dem Kampf darum, sich durch harte Arbeit ein gutes Leben aufzubauen.

Und man selbst ist mitten drin, alles versuchend, um beiden Welten gerecht zu werden.

 

1991 – Von Polen nach Deutschland und meine erste Milchschnitte

Meine Geschichte beginnt, wie die von vielen eingewanderten Osteuropäern, nach dem Fall der Mauer. Die Grenzen waren offen, die Zukunft im glänzenden Westen vielversprechend.

Ich war fünf und ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, als mein Opa nach 13 Stunden Autofahrt stolz auf das rosa gestrichene Haus in einem 1800 Seelen Dorf in Ostwestfalen Lippe mit den Worten „Jesteśmy“ [Wir sind da] zeigte. Das Haus war nicht so groß und glänzend wie ich es mir ausgemalt hatte, aber der Garten war riesig.

Eingeteilt war es in zwei Wohneinheiten. Im vorderen Teil lebte eine türkische Familie und im hinteren wir. Als wir in den Hausflur hineingehen, starrt mich ein ebenso fünfjähriges Mädchen mit großen Augen an, als hätte sie auf mich gewartet. Ihr Name ist Arzu.

Von Arzu habe ich Deutsch gelernt. Als wir uns irgendwann wegen einer Barbiepuppe streiten, liegt am nächsten Tag eine Milchschnitte vor unserer Tür. Arzu sagt mir, sie wolle sich nicht zanken, und obwohl ich keine Ahnung hatte was „Zanken“ bedeutet, ist diese erste Milchschnitte, in dem Moment, das Beste, was ich je gegessen hatte.

Und überhaupt gab es auf einmal so viele neue Dinge zu essen und trinken: Coca Cola, Milka Schokolade, Fruchtjoghurt und meine ersten Fruit Loops, die widerlich schmeckten, weil meine Mutter sie mit warmer Milch übergossen hatte.

Dass meine Eltern und ich in einem Zimmer wohnten, machte mir damals nicht viel aus. Mein erstes deutsches Lieblingslied war „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do. Weil ich keine Ahnung hatte, was „Drei vier Grenadier“ bedeutet (und meine Eltern auch nicht) habe ich es mit „Drei vier Flasche Bier“ ersetzt.

 

Identitätskrise und gescheiterte Hoffnungen

Die Jahre vergingen, ich habe Deutsch gelernt und mich mit meiner Sammlung von Bibi und Tina Kasetten und Einsen im Deutschunterricht bis hin die Perfektion hinein integriert. So sehr, dass die Eltern meiner deutschen Freunde das Thema meiner Herkunft gerne mit dem Satz „Eigentlich bist ja schon deutsch“ kommentierten. Vielleicht schien sie das irgendwie zu beruhigen, wenn bei ihnen gedanklich die Frage aufkam, ob ich ihren Kindern das Spielzeug klaue.

Währenddessen hatten meine Eltern darauf gehofft, dass ihre Berufe anerkannt werden würden. Wurden sie nicht, wie bei so vielen Einwanderern mit eigentlich guter Ausbildung. Aus Ärzten, Lehrern und Facharbeitern wurden Putzfrauen, Bauarbeiter und Hilfskräfte.

Und dann gibt es diese Phase im Leben eines Kindes und Jugendlichen, da ist nichts wichtiger als so zu sein wie alle anderen. Und als Ausländerkind bist du genau das nicht.

In der Regel sind deine Klamotten uncooler, deine Brille hässlicher und deine Eltern schicken dich nur auf jeden zweiten Schulausflug, weil das Geld fehlt. Du wirst kreativ in den Ausreden, warum du nicht mitkommst. Als meine Klassenlehrerin mich einmal darauf anspricht und mir anbietet mir den Beitrag für die Schulabschlussfeier auszugeben, bestehe ich darauf, dass ich nicht kommen kann, weil meine Eltern bereits ein großes Essen mit der Familie für mich geplant haben. Ich sehe in ihrem mitleidigen Blick, dass sie mir kein Wort glaubt.

Und wenn dir deine Freunde erzählen, dass es am Wochenende bei Oma Kartoffelbrei und Würstchen gab, wünscht du dir das heimlich auch.

 

Emanzipation von den Eltern

Irgendwann wird aus der Hoffnung der Eltern „es zu schaffen“ Frust – und so verlagert sich die Hoffnung auf deinen Erfolg. Studieren zu gehen war für mich nicht eine Option, sondern ein Muss, ein Silberschweif am Horizont. Für etwas muss sich das Auswandern ja gelohnt haben.

Der Auszug von Zuhause weg zum Studieren nach Köln war für mich eine Befreiung. An der Uni sind alle gleich, mehr oder weniger. Und die, die in wohlstandsgeordneten deutsch-deutschen Familien aufgewachsen sind, versuchen das hinter Dreadlooks und Systemkritik zu verbergen. Jedenfalls unter den Soziologiestudenten.

Aber egal wie integriert du bist, wenn du aus einem Elternhaus kommst, in dem sich alles darum dreht es irgendwann mal besser zu haben und ein bedeutender Teil davon bei dir liegt, studierst du nicht einfach so. Du studierst um deine Eltern stolz zu machen und um es tatsächlich besser zu haben – um endlich dazuzugehören.

Und heute? Vom Ausländerkind zur eigenen Identität

Heute gehe ich anders mit meiner Herkunft um, offen. Während es mir als Kind manchmal peinlich war, wenn meine Eltern in der Öffentlichkeit polnisch sprachen oder lieber geschwiegen habe, wenn meine Mitschüler Polenwitze von sich gaben, erzähle ich heute gerne, dass ich eigentlich aus Polen komme, wahrscheinlich auch ein bisschen aus Stolz. Plötzlich fühlst du dich als Repräsentant deines Herkunftslandes und willst beweisen, dass Polen, Kroaten, Russen, Türken und Griechen nicht so sind, wie die Abziehbilder in den Köpfen vieler Deutschen. Stolz, dass du da bist wo du bist, obwohl dir zuhause keiner bei den Hausaufgaben helfen konnte oder dir über Beziehungen ein Praktikum verschafft hat.

 

Integration passiert nicht einfach so

Ich hatte Glück, dass meine Eltern mir trotz ihrer Situation, die von Frust, Misserfolgen, Selbstzweifeln und Ärger mit den Ämtern geprägt war, immer das Gefühl gegeben haben, wertvoll zu sein und stolz sein zu können. Sie haben nie daran gezweifelt, dass ich genau die gleichen Dinge erreichen kann wie meine deutschen Mitschüler. Als ich nach der Grundschule, wie so viele Ausländerkinder, eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen habe, haben meine Eltern mich trotzdem auf´s Gymnasium geschickt, weil sie an mich geglaubt haben. Und dafür bin ich ihnen ewig dankbar.

Aus dieser Erfahrung heraus, glaube ich fest daran, dass es wichtig ist, Minderheiten, die besonders von Vorurteilen betroffen sind (und Vorurteile haben wir alle), verstärkt zu fördern. Kostenlose Sprachkurse, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen (zum Beispiel für die KITA) und weitere Hilfestellungen für den Alltag helfen nicht nur Eltern, sondern auch Kindern und schließlich der Wirtschaft und Gesellschaft. Ich glaube an die Quote – für Frauen, für Ausländer, für ausländische Frauen. Aber vor allem glaube ich daran, dass eine wirkungsvolle Integration mit einem sozialen Miteinander beginnt, mit Respekt und mit Verständnis.

Hat sich hier seit meiner Kindheit was geändert? Wenn man auf die Website des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge geht, werden zahlreiche Integrationsmaßnahmen und Projekte vorgestellt. Sogar spezielle Förderkurse für Frauen gibt es hier. Wenn ich an das Mädchen in der Postfiliale zurückdenke, zweifle ich daran, ob die hier so schön theoretisch aufgeschrieben Maßnahmen wirklich bei der Zielgruppe ankommen.

 

Vom Trauma zur Chance

Auf einige Erfahrungen aus meiner Kindheit, die in Zusammenhang mit dem Ausländerdasein stehen, hätte ich gerne verzichtet. Aber schließlich sind sie ein Teil von mir, aus denen ich die Kompetenzen entwickelt habe, die sich positiv auf mein Leben und meine Karriere ausgewirkt haben.

Und genau das ist das Potential und die Chance, die in dem Trauma Ausländerkind stecken kann: Die Identitätskrise, die man seit der Kindheit in sich trägt, in Stärken umzuwandeln.

Ich glaube, dass meine berufliche Laufbahn, die ich durchaus als erfolgreich bezeichnen würde, viel mit dieser Geschichte zu tun hat. Ich bin ehrgeizig, weil es eine bessere Zukunft versprach, selbstständig, weil ich Dinge alleine lösen musste, um die Ecke denkend, weil es viele Hürden zu meistern gab. Und genau diese Eigenschaften sehe ich auch bei anderen Frauen mit Migrationshintergrund in meinem Arbeitsumfeld, die eine ähnliche Geschichte teilen.

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